Sind die neuen Einfuhrregelungen ab 1. Juli 2021 das Aus für China-Elektronik-Schnäppchen?

Es war einmal ein Paradies für Elektronik-Bastler

Noch vor zwei Jahren war es himmlisch für Elektronik-Bastler, zum Beispiel einen neuen Elektronik-Sensor auszuprobieren - wenn man nur Geduld hatte. Vieles gab es billig aus China für nur einen Euro, inklusive Versand. Zu bestellen direkt in China über eBay. Später etablierte sich dann auch AliExpress und amazon als Anbieterplattform für Billig-Elektronik.

Hier ein paar Beispiele, was ich vor zwei Jahren so alles für nur um einen Euro inklusive Versand kaufen konnte: und ich könnte die Liste noch ewig fortführen...

Irgendwo in einer Anleitung oder in einem Video etwas gesehen, was interessant ist? Schnell zum günstigen Preis bestellt, zwei bis acht Wochen gewartet und dann das Bauteil in einer schlapprigen Plastiktüte im Briefkasten vorgefunden. Verpackt war das oft nicht so toll für den weiten Weg, ein verbogener Pin war schon mal dabei, aber den konnte man ja auch wieder zurechtbiegen. Für den Preis hat man keine zu großen Ansprüche.

Das Tolle daran: man konnte sich praktisch fast alles leisten, es einmal auszuprobieren: Bestellen, vergessen, Überraschung bei der Ankunft, Datenblatt herunterladen und studieren, daraus etwas halbwegs sinnvolles basteln und seine eigenen Ideen umsetzen.

Okay, manchmal bin ich auch einem Betrüger auf den Leim gegangen, zum Beispiel habe ich Fake 6502-CPUs, 6522-VIA-Chip, LM 35 Temperatursensoren, nicht richtig funktionierende STM32 Chips/Boards bekommen. Wahrscheinlich irgendwo ausgelötet, umgelasert und als neu verkauft. Aber häufig bekam ich nach Meldung beim Händler auch mein Geld zurück.

Zweimal bekam ich einfach nur Müll statt der versprochenen Ware, dabei auch einmal aus einem deutschen Lager: statt eines hochpreisigen Debuggers bekam ich einen schlabbrigen Waschmaschinenschlauch. Und statt eines Elektroikbauteils nur so einen Blechstempel. Und beim Händer nichts zu holen, da redete ich gegen eine Wand.

Aber das ist das Risiko. So viel verliert man an Geld meist nicht, das ärgerliche ist meist, dass man noch einmal warten muss, bis das Zeug von einem Ersatzlieferanten ankommt. Unterm Strich war es ein Schnäppchen-Paradies.

Möglich machten das zwei Dinge: eine Porto-Subvention für China und Freigrenze von 22 Euro für Sendungen aus dem Nicht-EU-Ausland

Es war einmal: (fast) keine Portokosten für China

Soweit ich das verstanden hatte, gibt es eine Regelung des Weltpostvereines, dass jeder Staat für alle anderen Staaten Postsendungen über sein Staatsgebiet transportiert und es gibt dafür irgendwelche Ausgleichsabgaben. Es ist ja nun so, dass wenn ich in Deutschland einen Brief frankiere, eine deutsche Briefmarke draufklebe und nach Australien schicke, eigentlich nur die Deutsche Post daran verdient, weil die die Marke verkauft hat. Die Australier haben aber auch Kosten, den Brief weiter zu transportieren. Dafür die Ausgleichszahlungen. Irgendwo zählte China in diesem Kontext bis vor Kurzem wohl noch als "Entwicklungsland" und musste deswegen weniger Abgaben zahlen. Soweit ich das begriffen habe - ich habe mich da jetzt nicht juristisch so tief reingekniet.

Auf jeden Fall sind die wohl auf den Trichter gekommen, dass China inzwischen eine Wirtschaftsnation ist und auch mehr berappen soll. Damit konnte sich die Subvention der chinesischen Elektronikindustrie, die wohl fast kein Porto zahlen musste, nicht mehr aufrecht erhalten und seit ca. einem Jahr kommen auf jede Sendung etwa ein Euro Porto oben drauf.

Das machte dann das bestellen von einzelnen Kleinteilen für den Elektronik-Bastler unattraktiver. Kein Wunder, wenn für ein Teil statt eines gleich zwei Euro, sprich das Doppelte, fällig werden. Was man da machen kann, ist natürlich, gleich drei oder fünf Teile bestellen. Macht bei Dingen, die man kennt, durchaus Sinn... warum nicht gleich 5 Mikrocontroller bestellen, die man immer mal wieder braucht - macht pro Teil dann nur noch 20 Cent Porto. Nur mit dem schnellen, billigen Ausprobieren ist das jetzt natürlich nicht mehr so toll.

Am 1. Juli 2021 wird es gewesen sein: Freigrenze von 22 Euro für Einfuhren

Normalerweise muss auf jede Ware, die aus einem Nicht-EU-Land eingeführt, also importiert wird, Einfuhrumsatzsteuer entrichtet werden. Oder mal ganz simpel ausgedrückt: Wenn ich aus dem Nicht-EU-Ausland bestelle, muss ich die Mehrwertsteuer, die in Deutschland fällig sind, an der Grenze bezahlen. Die Mehrwertsteuer heißt hier nur Einfuhrumsatzsteuer, ist aber im Prinzip das selbe. Wäre ja unfair, den deutschen Unternehmen gegenüber, wenn die 19% aufschlagen müssten und die Auslänger ihre Waren deswegen billiger anbieten könnten.

Das Einziehen der Einfuhrumsatzsteuer ist allerdings mit Bürokratie verbunden. Jeder, der schonmal zum Zoll laufen musste, um seine Auslandssendung abzuholen, weil geklärt werden musste, wie hoch die zu verzollen ist, weiß das: hier schlägt die deutsche Bürokratie voll zu. Das macht natürlich Aufwand. Drum hatte man bis jetzt gesagt: Bis 22 Euro verzichtet man auf die Einfuhrumsatzsteuer, denn das lohnt den Aufwand nicht. Für 22 Euro wären demnach 19% von 22 Euro gleich 4.18 Euro fällig. Geschenkt. Im Grunde heißt es sogar: alles unter 5 Euro Steuer lohnt den Aufwand nicht. Das sind nach Adam Riese 26.31 € Warenwert, bis zu dem man nicht zahlen brauchte.

Doch das ändert sich zum ersten Juli 2021. Dann fällt nämlich dieses Privileg weg. Beziehungsweise wird gesenkt von 5 Euro Steuerbetrag auf 1 Euro Steuerbetrag. Demnach wird für alles, was einen Warenwert (das Porto dürfte dazuzählen) über 5.23 Euro hat, die Einfuhrumsatzsteuer fällig und auch eingezogen.

Das hat übrigens nichts mit den Zollgebühren zu tun, die kommen nocheinmal oben drauf, die sind aber meist geringer und dort gelten höhere Freibeträge (allgemeiner Freibetrag von 150 Euro). Es gibt aber Sonderregelungen für Alkohol, Tabak und Parfüm. Plagiate, Raubkopien, Lebensmittel, Tiere, Krankheitserreger etc. dürfen gar nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen eingeführt werden.

Jetzt könnte man denken: naja, egal, dann zahl ich halt die 19% oben drauf, die machen den Kohl auch nicht fett, das ist immer noch günstig. Doch wer so denkt, hat nicht damit gerechnet, dass das Geld ja auch irgendwie eingezogen werden muss. Und das macht die Deutsche Post. Das dürfte dann wie eine Nachnahme funktionieren. Die Post rechnet die Einfuhrumsatzsteuer nach dem Warenwert in der Zollinhaltserklärung aus und zieht die dann beim Empfänger ein. Das heißt: nichts mit Einwerfen in den Briefkasten, sondern Übergabe an der Haustür und Kassieren.

Die Zeit, als Postzusteller noch massenweise Nachnahmen und Postanweisungen dabei hatten und mit Wechselgeld herumliefen, ist allerdings schon lange vorbei. Ich schätze mal, da wird viel in den Abholfilialen landen, da hat es genügend Wechselgeld. Man wird sehen, wie sich das entwickelt.

Die Post verlangt auf jeden Fall für den Service 6 Euro, ja richtig gelesen, sechs Euro. Sie nennt das Auslagepauschale. Wenn der Zoll selbst keine Arbeit mit dem Eintreiben hat, dann sind ihm die Kleckerbeträge natürlich trotzdem recht. Und die Post macht bei 6 Euro wohl auch kein Minus an dem Geschäft. Der Gelackmeierte ist halt dann der kleine Elektronik-Enthusiast, der für seine Sendung von vor zwei Jahren für 10 Euro jetzt auf einmal 10 Euro Ware + 1 Euro Porto + 19% von 11 € = 2.09 + 6 Euro gleich summa sumarum 19.09 zahlen muss - das ist fast das doppelte. Da dürfte man nicht mehr von einem Schnäppchen reden können.

Die Bombe tickt schon...

Zeitlich zählt für die neue Regelung die Ankunft in Deutschland. Wer also jetzt Anfang Juni noch bestellt, kann bei einer Lieferzeit von 4 Wochen Pech haben und fällt schon unter die neue Regelung ab 1. Juli 2021 und muss tiefer in die Tasche greifen.

Und was nun? War's das jetzt mit Schnäppchen?

Nunja, zum einen kann man immer noch zusehen, dass man bei den Bestellungen unter den magischen 5.23 Euro inklusive Porto bleibt und das dann hoffentlich vom Absender auch richtig in der Zollinhaltserklärung auf der Sendung angegeben ist. Das sollte man im Zweifel beweisen können durch einen PayPal-Überweisungsbeleg oder eine eBay-Transaktion oder einen Kreditkartenauszug bei Ali-Express. Denn wenn Zweifel beim Zoll bestehen, bestellen die einen gerne mal aufs Zollamt (meist ganz weit draußen irgendwo am Hafen) und möchten Belege sehen.

Und zum Anderen besteht die Möglichkeit, dass der Versender schon vorher mit der deutschen Umsatzsteuer von 19% versteuert und den Betrag an das deutsche Finanzamt abführt. Dazu muss sich der Händler bei dem neuen Mehrwertsteuersystem der EU namens IOSS ("Import One Stop Shop") registriert haben. Als Kunde sollte man das auf der Rechnung sehen. Bei meiner letzten Bestellung von Mouser in Texas, USA waren z. B. die 19% schon in der Rechnung aufgeschlagen und durch mich bezahlt. Da würde sich dann nichts ändern, und auch keine 6 Euro fällig.

Ich schätze mal, das die großen Plattformen wie AliExpress und amazon, die ja auch chinesische Händler haben, das entsprechend berücksichtigen und einprogrammieren werden in naher Zukunft. Dann kann man dort seine 19% deutsche Umsatzsteuer gleich mit entrichten und muss keine 6 Euro abdrücken.

Und dann gibt es ja noch die Sache mit den deutschen, französischen oder spanischen Lagern, aus denen man sich manchmal etwas schicken lassen kann bei AliExpress. Die haben ihren Sitz ja dann in der EU und es gibt keine Zoll-Probleme. Da wird die Umsatzsteuer dann europaintern ("innergemeinschaftlich") gezahlt - hoffe ich doch zumindest, so transparent ist das ja manchmal bei den Händlern leider nicht.

Wenn sich das mit der neuen Regelung erstmal eingespielt hat und der Händler die 19% aufschlägt, dann wird die Elektronik aus China einen Euro (Porto) plus 19% teurer sein. Ich glaube, dass es sich damit immer noch lohnt. Besonders bei Vintage Chips, die nicht mehr hergestellt und irgendwo ausgelötet wurden, hat man oft gar keine andere Alternative, auch wenn hier das Risiko am größten ist, einem Fake aufzusitzen.

Wer seine Elektronik-Bauelemente schnell und in garantiert guter Qualität haben will, der muss halt bei einem renommierten deutschen Händler wie etwa Reichelt, Conrad oder Pollin bestellen. Das kommt aber oft sehr viel teurer, allein schon wegen der Portokosten. Bei Mouser aus den USA bekommt man seine Waren auch überraschend schnell und ab 50 Euro sind die sogar versandkostenfrei, auch nach Deutschland. Allerdings sind die Preise dort schon hoch, dafür ist alles qualitätsgeprüft und gut verpackt.

Was jetzt wichtig ist

Wer nicht in die Kostenfalle tappen will, bestellt erstmal nur unter 5 Euro aus Fernost. Wenn sich dann alles eingespielt hat, kann man sehen, wie es entwickelt hat und sich in seinen Kaufgewohnheiten entsprechen orientieren.

Wichtig ist halt jetzt zu wissen, dass es neue Regelungen gibt und nicht massenweise Bestellungen über 5 Euro aufzugeben - denn wenn die dann ankommen und pro Sendung noch einmal zusätzlich mindestens 6 Euro fällig werden, dann dürfte das eine böse Überraschung mit überteuerten, vermeintlichen Schnäppchen sein.

Quellen, Literaturverweise und weiterführende Links

Pressemitteilung der Deutsche Post DHL Group von 02.06.201
Weitere Infos zu den Gebühren bei der Deutschen Post
Information des Zoll zu den Änderungen ab 1. Juli